Guten Morgen zusammen! Momentan hab ich mit meinem 14 Monate alter Golden Retriever Rüden immer wieder Probleme, dass er beim apportieren sehr stark aufdreht. Angefangen hat es vor ein paar Wochen damit, dass er irgendwann mittendrin nicht mehr abwarten wollte bis ich den Dummy werfe. Er hat dann nach dem Dummy geschnappt, ist an mir hochgesprungen etc. war also richtig rüpelig. Mittlerweile hat sich das so gesteigert, dass er gleich auf den Dummy losgeht, wenn ich ihn nur aus dem Rucksack hole. Er ist dann so auf ihn fixiert, dass er gar nicht mehr ansprechbar ist. Ich hab das Gefühl, dass er ihn dann um jeden Preis haben will und alles andere ausblendet. Komme ich dazu den Dummy mal zu werfen bringt er ihn zwar zurück, will ihn aber nicht abgeben. Er legt sich dann hin und kaut darauf herum. Versuche ihm den Dummy wieder abzunehmen resultieren danneher in einem Zerrspiel, was er gefühlsmäßig noch toller findet und ihn noch mehr hochdreht, weswegen ich da dann auch das Ganze dann immer beende. Kurz zum Hintergrund: Wir haben schon letztes Jahr im Sommer mit dem Apportieren angefangen. Da hat es auch noch sehr gut geklappt und wir hatten beide viel Spaß daran. Über den Winter haben wir es leider nicht so oft gemacht und seit ich das jetzt gerne wieder öfter in unsere Spaziergänge einbauen würde hat es sich so gesteigert, dass es eigentlich unmöglich ist, weil es immer in einem Zerrspiel und einem total aufgedrehten Hund enden würde, der dann rüpelig wird. Zerrspiele habe ich schon immer eher sehr selten gemacht, weil ich gemerkt habe, dass er da hochdreht. Im Großen und Ganzen ist er meistens ein ruhiger Zeitgenosse. Er dreht allerdings auch bei Hunde- und Menschenbegegnungen immer wieder auf und würde am liebsten zu jedem hin. Wo kann ich da grundsätzlich ansetzen um wieder mehr Ruhe bei uns reinzubringen? Ich denke, dass das Apportieren jetzt nicht das eigentliche Problem ist, sondern dass es wo anders bei uns liegt. Ich würde mich wirklich freuen, wenn mir jemand ein paar Denkanstöße geben könnte.
Hallo Veronique, willkommen in der voll ausgelebten Pubertät deines Hundes. Du hast erstmal völlig recht, am Apportieren alleine liegt es nicht. Ihr habt gerade x-Baustellen, begonnen bei der Pubertät (die Wandlung von „ich will der allerbeste kleine Welpe sein“ hinzu „ist mir heute egal, ich teste mal meine Grenzen aus“), aber ihr habt gerade auch einige Baustellen bei Impulskontrolle, Frustrationstoleranz, Erwartungshaltung und Kosequenz. Betonung liegt auf ihr, also sowohl du als auch Bailey. Falls noch nicht gesehen, empfehle ich dir folgende Kurse: Frustrationstoleranz Entspannter Hund Bindung & Beziehung Dann versuche ich mal etwas in die Details deines Problems zu gehen und dann verstehst du auch die Kursvorschläge. Golden Retriever wurden ursprünglich, wie alle Retriever, für die Entenjagd gezüchtet, mit dem Ziel geschossene Enten aus dem Wasser zu holen und zu bringen. Daher sind sie meistens sehr leicht fürs Apportieren zu begeistern und für Wasser. Apportieren als reines Dummywerfen und bringen, selbst wenn der Hund auf Freigabe warten muss, führt daher häufig zu einem “Ball-“/Adrenalinjunkie. Ganz einfach gesagt, Rennen macht süchtig. Bailey scheint bereits ungewollt zum Balljunkie geworden zu sein. Daher solltet ihr auch erstmal nicht mehr Apportieren. Langfristig kann man das sicher wieder mit einem etwas anderem Setting aufbauen. Vorher müsst ihr aber ein paar Nebenschauplätze aufräumen: 1. Das “Aus”-Kommando funktioniert gerade gar nicht. Er gibt dir den Dummy nicht, also nicht mal nach Aufforderung. Du lässt dich auf ein Zerrspiel ein und das ist selbstbelohnend. Sprich du belohnst ihn gerade unbewusst dafür dein Kommando zu ignorieren und machst dir das Kommando damit kaputt. Also gilt es das Kommando erstmal wieder zu festigen oder sogar komplett neu mit Nutzung eines anderen Wortes für das Kommando aufzubauen. Das hängt davon ab, wie häufig Bailey schon Erfolg hatte. Da Bailey bereits raushat, wie er ein Zerrspiel daraus macht, empfehle ich hier den Aufbau des Kommandos mittels Körpersprache. Eigentlich mache ich hier nur ungerne Fremdwerbung, aber Sarah Fink hat dazu zwei tolle Video mit Titel “Dem Hund Spielzeug wegnehmen” und “Dein Hund lässt sein Spielzeug nie los? So geht`s!” auf YouTube. 2. Abbau der Erwartungshaltung: Bailey hat eine extrem große Erwartungshaltung, wenn du das Spielzeug rausholst. Indem du ihn dann trotzdem apportieren lässt, steigerst die diese Erwartungshaltung. Zusätzlich hat er Frust, wenn es nicht sofort losgeht, dann er dann so richtig rüpelhaft äußert. Und er hat damit letztlich Erfolg. Es bietet sich hier wirklich der Kurs zur Frustrationstoleranz an und erstmal Stellvertreterkonflikt zu bearbeiten. Langfristig müsst ihr aber das Problem mit dem Dummy in Angriff nehmen. Dafür würde ich wie folgt vorgehen: Du nimmst den Dummy mit, holst ihn zwischendurch raus und sobald er ran will, packst du den Dummy wieder weg und korrigierst Bailey körpersprachlich, verweise ihn deutlich aus deinem Raum. Wie das gehen kann, lernst du in Bindung & Beziehung. Wichtig! Drr Dummy verbleibt die restliche Zeit im Rucksack. Also auf jeder Runde nur 1x rausholen. Du kannst in der Steigerung, wenn er nicht mehr sofort ran will dann auch weiterlaufen und den Dummy in der Hand behalten. Wichtig ist, dass der Dummy bei dir bleibt und im Zweifelsfall im Rucksack verschwindet. Idealerweise lernst du Bailey so körperlich zu begrenzen, dass du den Dummy bei dir in der Hand für dich beanspruchen kannst. Erst wenn das und das Aus klappt, kannst du ihm mal ein Zerrspiel mit dem Dummy anbieten, um den trotzdem noch interessant zu lassen. 3. Impulskontrolle (Warten auf dein Kommando): Das ist eng mit dem 2. Punkt verknüpft, da Bailey den Dummy für sich beansprucht und haben will, wartet er aktuell auch nicht auf dein Kommando. Hier kannst du aber auch gut üben. Du legst den Dummy direkt bei dir ab und Bailey darf nicht ran. Will er sich unaufgefordert nähern, drängst du ihn von dem Dummy weg. Stell dir vor der ist hochgiftig und Bailey darf ihn auf gar keinen Fall bekommen. Du kannst den Dummy im Verlauf auch mal freigeben. Wichtig hierbei ist es im Auge zu behalten, dass du dir die Frustrationstoleranz nicht gleich wieder sabotierst, das Aus-Kommando funktioniert und Bailey dabei erstmal an einer Schleppleine ist, um nicht mit dem Dummy abzuhauen. Ich habe noch eine fortgeschrittene Übung dazu. Bailey muss absitzen, du wirst den Dummy und du sammelst den Dummy wieder ein. Zu Anfang solltest du Bailey dafür irgendwo anbinden. Der ist nämlich im Zweifelsfall schneller als du und soll damit keinen Erfolg haben. Bailey wird dabei nicht ins Apportieren mit einbezogen. Du packst den Dummy einfach irgendwann wieder weg. Du trainierst damit Frustrationstoleranz und Impulskontrolle. Wenn er dem Impuls schon ganz gut wieder stehen kann, muss er auch nicht festgebunden sein, aber Schleppleine sollte dran sein. Du solltest dann aber darauf achten erstmal etwas Abstand beim Werfen zu Bailey zu haben, nur so weit werfen, dass du schnell ran kommst, falls Bailey durchstartet und bestenfalls Bailey direkt körpersprachlich blocken können. Letzte Steigerungsoption: Seht anderen Hunden beim Apportieren zu und Bailey darf nicht mitspielen. Auch hier, lass ihn an der Leine. Ziel: lockere Leine ohne Erwartungshaltung und Frust. 4. Bringen üben: Jetzt nähern wir uns wieder dem Apportieren. Bailey ist an der Leine, du legst den Dummy ab und lässt ihn dir bringen. Will er mit dem Dummy weg, angelst du ihn dir mit der Leine und setzt dein Aus durch. Anschließend kannst du mit einem Zerrspiel oder Futter belohnen. Wichtig: Spaß gibt es nur mit dir zusammen. Das aktuelle Abhauen und darauf herumkauen ist wiederum selbstbelohnend, dient aber gleichzeitig der Selbstregulation durch den Stress, den er durch die hohe Erregung hat. Also Dummy hat immer bei dir zu landen. Das kannst du übrigens auch drinnenüben. Klappt das gut, kannst du da Suchspiele draus machen. Du versteckst den Dummy, lässt ihn Suchen und Bringen. Immer alles erstmal an der kurzen Leine, dann Schleppleine, dann Schleppleine langsam abbauen. Wenn bis hierhin alles klappt, kannst du in Ausnahmefällen auch mal den Dummy werfen und dir bringen lassen. Aber das sollte eher die Ausnahme sein. Euer neues Apportieren sollten Suchspiel werden. Die sind ruhiger, haben weniger Suchtpotenzial und passten deutlich mehr aus, da sein Hund mehr Sinne benutzen. Je nachdem wie geschickt er ist, kannst du den Dummy auch mal so verstecken, dass er etwas kletternd muss. 5. Add Ons: Du kannst ihn Beibrigen was auf der Gassirunde mal eine gewisse Strecke zu tragen. Das kommt bei Goldies häufig auch gut an. (Reminder: Aus sollte sitzen + Hinlegen, Abhauen und drauf herumkauen wollen ist Tabu). Und da wir schon mal beim Suchen und Apportieren sind, denk doch mal langfristig über Mantrailing oder verfolgen von ausgelegten Duftspuren (z.B. Tee) nach. Suchen/Mantrailing hat viele Vorteile gegenüber dem einfachen Apportieren. Du stellst deinem Hund eine Aufgabe, die ihr gemeinsam bewältigen könnt. Das ist gut für eure Beziehung, lastet deinen Hund sehr gut aus und stärkt auch sein Selbstbewusstsein. Viel Erfolg und viel Spaß beim Durcharbeiten der Kurse. Bestimmt entdeckst du noch die ein oder andere Baustelle, die vielleicht auch Basis für das Problem beim Apportieren sein könnte.
Hallo Veronique, dem ausführlichen Beitrag von Nadine können wir uns nur anschließen. 👍️ Die 2. Pubertät lässt hier anscheinend mit voller Wucht grüßen und jetzt heißt es, konsequent mit dem Training und der Erziehung am Ball zu bleiben. Unsere Kurse werden sicherlich hilfreich dabei sein. Es macht oft Sinn, sich das ein oder andere Video auch ein 2. Mal anzuschauen bzw. sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Viele Grüße und Durchhaltevermögen schickt dir dein Team der Doguniversity
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